Seit 1944 stand Litauen jahrzehntelang unter sowjetischer Besatzung. Unter dem Eindruck der Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“ in Polen und der von Michail Gorbatschow eingeleiteten Reformen in der UdSSR herrschte in der litauischen Gesellschaft Ende der 1980er Jahre immer größere Unzufriedenheit. Unabhängigkeitsparolen erhielten bereits breite Unterstützung in der Bevölkerung. Die Veränderungen erfassten auch die Kommunistische Partei Litauens, in der die Anhänger der staatlichen Unabhängigkeit die Oberhand gewannen und sich Ende 1989 für den Austritt aus der KPdSU entschieden. Dieser Prozess konnte durch den Besuch Gorbatschows in Vilnius am 11.-13. Januar 1990 nicht mehr aufgehalten werden, auf den die Litauer mit einer landesweiten Unabhängigkeitskundgebung antworteten. An dieser Kundgebung nahmen über 250.000 Bürger teil. Im Februar 1990 erklärte der Oberste Sowjet der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (LSSR) die Annexion Litauens durch die UdSSR für ungültig. Zugleich erklärte man auch die Präsenz sowjetischer Truppen für illegal. Die bisher verbotenen nationalen und religiösen Feiertage wurden wieder eingeführt. 

 

Am 24. Februar 1990 fanden erstmals völlig freie Parlamentswahlen statt, denn laut den Ende 1989 gefällten Beschlüssen konnten daran auch nichtkommunistische Kandidaten teilnehmen. Das aktive Wahlrecht genossen lediglich Personen mit Dauerwohnsitz in Litauen (was u.a. die dort stationierten sowjetischen Truppen ausschloss). Den Wahlsieg errang die im Juni 1988 entstandene litauische Reformbewegung „Sąjūdis“, die die Anhänger einer unabhängigen und demokratischen Republik Litauen in sich vereinte. Präsident des aus den Wahlen hervorgehenden Obersten Sowjets - und zugleich Staatsoberhaupt – wurde der Sąjūdis-Führer und Musikhistoriker Vytautas Landsbergis. Am 11. März 1990 proklamierte Litauen die Wiederherstellung des unabhängigen litauischen Staates, wobei die historische Kontinuität mit der Republik Litauen der Zwischenkriegszeit betont wurde. Diese Unabhängigkeitserklärung gewährleistete die territoriale Integrität und den Schutz der Menschen- und Bürgerrechte sowie der ethnischen Minderheiten Litauens. Zugleich erhielt der litauische Staat seinen Namen „Republik Litauen” und das historische Staatswappen – den „Vytis“ – zurück. Am 17. März 1990 wurde die erste Regierung der unabhängigen Republik Litauen gebildet, an deren Spitze die Ministerpräsidentin und Sąjūdis-Aktivistin Kazimira Prunskienė stand, die angesichts der zunehmenden Wirtschaftskrise bereits Anfang 1991 zurücktrat. 

 

Der offizielle Akt der Wiederherstellung der nationalen Souveränität Litauens, die zum Vorbild für andere Sowjetrepubliken wurde, stieß auf den entschiedenen Widerstand seitens der UdSSR. Gorbatschow hielt diesen Akt für rechtswidrig und forderte dessen Aufhebung, was von der litauischen Regierung zurückgewiesen wurde. Daraufhin erließ Gorbatschow am 22. März 1990 ein Dekret „über zusätzliche Mittel zur Sicherung der Rechte der Sowjetbürger und zum Schutz der Souveränität der UdSSR auf dem Territorium der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik”, das die Entwaffnung der Litauer anordnete. Verhandlungen Litauens mit den sowjetischen Behörden führten zu keinem Ergebnis. Die Spannungen wuchsen. Da sich die litauische Regierung nicht an das sowjetische Ultimatum hielt, entschied sich Moskau im April 1990 für eine Wirtschaftsblockade und schnitt Litauen von weiteren Erdöllieferungen ab, wobei auch dessen Versorgung mit Erdgas und anderen Rohstoffen eingeschränkt wurde. Im Kreml hoffte man, dass sich die litauische Gesellschaft angesichts dieser schwierigen ökonomischen Situation gegen die neuen Machthaber im Lande wenden werde. Auch bei der Lebensmittelversorgung machten sich zunehmend Probleme bemerkbar. Moskau versuchte die Litauer durch Truppenmanöver und die militärische Besetzung öffentlicher Gebäude zusätzlich einzuschüchtern. Um eine Rückkehr zum Verhandlungstisch zu ermöglichen und die Wirtschaftsblockade zu beenden, beschloss der Oberste Sowjet im Juni 1990 die einstweilige Aussetzung der Unabhängigkeitserklärung vom 11. März 1990. Daraufhin stellte die Sowjetunion die Blockade im Juli 1990 ein. 

 

Am 19. September 1990 protestierte die litauische Regierung offiziell gegen die Versuche der UdSSR, die Lage in Litauen zu destabilisieren. Im November 1990 räumte Vilnius den Bürgern in einer Verlautbarung das Recht ein, den Wehrdienst für einen fremden Staat zu verweigern, woraufhin zahlreiche litauische Soldaten aus der sowjetischen Armee austraten. Im Jahre 1990 betrieb Litauen auf internationaler Bühne eine überaus aktive Politik und war bestrebt, auch die Kontakte zu den anderen baltischen Republiken weiter auszubauen. In vielen westlichen Ländern entstanden Informationsbüros, die sich später in diplomatische Vertretungen umwandelten. Das erste litauische Informationsbüro wurde im Oktober 1990 in Oslo gegründet. Am 12. Mai 1990 nahmen die Regierungsvertreter Litauens, Lettlands und Estlands in Tallinn die Tätigkeit der Baltischen Entente wieder auf, die am 12. September 1934 durch eine vertragliche Vereinbarung dieser drei Staaten ins Leben gerufen worden war. Darin verpflichtete man sich zur gegenseitigen Unterstützung auf dem Weg zur Wiedererlangung der vollen Unabhängigkeit. Das erste Treffen der Entente-Mitglieder fand am 6. Juni 1990 im lettischen Jūrmala statt. Dabei wurde eine gemeinsame Strategie in den Verhandlungen mit der Sowjetunion vereinbart. Bei einer weiteren Begegnung im Juli 1990 gewannen die baltischen Republiken die Zustimmung von Boris Jelzin für ihre Bestrebungen. Jelzin kündigte die Aufnahme bilateraler Gespräche an, die Mitte 1990 in ein einjähriges litauisch-russisches Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit mündeten. 

 

Gorbatschow hingegen erkannte die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Republiken weiterhin nicht an und bemühte sich unvermindert um die Bewahrung der territorialen Integrität der Sowjetunion. Zu diesem Ziel forderte er die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrages. Am 24. Dezember 1990 kündigte Gorbatschow die Durchführung eines landesweiten Referendums an, was jedoch von den baltischen Republiken trotz des auf diese ausgeübten politischen Drucks zurückgewiesen wurde. Litauen lehnte die Entsendung von Delegierten zum Volksdeputiertenkongress der UdSSR im Dezember 1990 ab. Die mit den sowjetischen Machthabern bis Ende 1990 geführten Verhandlungen endeten ergebnislos und wurden im Dezember 1990 eingestellt. Noch im gleichen Monat tauchten auf litauischen Straßen sowjetische Militärpatrouillen auf, die die Fußgänger zwangen, sich auszuweisen. Dadurch sollte der Widerstand der Litauer bei der Einziehung zum Wehrdienst gebrochen werden. In der Propaganda des Kremls erschien Litauen als ein Land, das in der Krise zu versinken drohte. Die Einschüchterungsversuche von sowjetischer Seite blieben erfolglos. Am 28. Dezember 1990 hob der Oberste Rat das „Moratorium“ zur Unabhängigkeitserklärung auf. Daraufhin marschierten am 11. Januar 1991 sowjetische Truppen in Litauen ein, infolge dessen es zu Gewalt und Blutvergießen kam. Die Militärintervention endete mit einem Fiasko. Litauen konnte seine staatliche Souveränität erfolgreich verteidigen.